Montag, 13. Mai 2019

#bleibdu - Meine Erfahrungen mit Mobbing und dessen Folgen


#bleibdu - Meine Erfahrungen mit Mobbing und dessen Folgen

Im Bezug auf das Buch "Mobbing ? Nicht mit mir!" von Dr. Holger Wyrwa, möchte ich euch einfach meine Geschichte zum Thema Mobbing erzählen. Es sind mittlerweile zwar einige Jahre vergangen, doch ich möchte auch erzählen, was Mobbing anrichten kann, auch Jahre später. Mobbing ist nicht nur, dass man jemanden vielleicht beleidigt, sondern auch das einfache ausgrenzen einer Person aus einer Gruppe, einer Gesellschaft ist eine Art von Mobbing.

Theoretisch könnte ich schon in der Grundschule anfangen. Aber da müsste ich sehr weit ausholen um alles verständlich zu erklären. Aber ich glaube, dass würde den Rahmen sprengen. Ich versuche eine Kurzfassung, da meine, für mich schlimmste Zeit, nicht die Grundschule war.



Eingeschult wurde ich 1997. Ich war ein sehr ruhiges und schüchternes Kind. Den Umgang mit anderen Kindern in meinem Alter habe ich erst dort gelernt. Warum ? Ich war nie im Kindergarten oder ähnliches. Entweder hat mein Vater oder meine Mutter auf mich aufgepasst. Beide waren voll berufstätig, also wurde sich tagsüber immer abgewechselt, je nachdem wie die Arbeitszeiten waren. Natürlich war ich auf dem Spielplatz mit meinen Eltern, aber dort spielt man dann vielleicht zwei, drei Stunden mit anderen Kindern und nicht jeden Tag mehrere Stunden. Also wurde ich da ins kalte Wasser geschubst. Aber es war in Ordnung. Ich war stolz ein Schulkind zu sein und Dinge zu lernen. Dadurch das ich schüchtern war, hatte ich nicht viele Freunde da es mir schwer gefallen ist, Kontakt aufzubauen. Mit "Pausenspiele" wie fangen spielen, verstecken, hüpfen etc. Konnte ich nichts anfangen. Also zog ich mich alleine zurück. Es dauerte also nicht lange, bis mich andere Kinder als "Opfer" sahen. Die Beleidigungen bezogen sich nicht auf meine Art, sondern auf mein Aussehen. Ich war ein dickes Kind. Viel ungesundes Essen zuhause, keine Verbote und wenig Bewegung. Blieb also nicht aus. Dann durfte ich mir mit sechs, sieben Jahren schon anhören wie fett ich sei. In den meisten Fällen blieb es auch dabei. Hin und wieder fiel so etwas wie "Hässlichkeit", ich wurde geschubst und mir wurde Beinchen gestellt.

2001 stand dann der Schulwechsel an. Von der Grundschule ging es auf die weiterführende Schule. Ich hatte eine neue beste Freundin in der Grundschule gefunden, wovon ich wusste das sie auch auf die selbe neue Schule gehen würde und wir sogar in eine Klasse kommen würden. Yeah, Jackpot. Neuer Schulweg, neue Schule, neue Fächer. Alles neu. Es blieb nicht aus, dass man auch dort neue Leute kennen lernte. Sowohl bei meiner damaligen besten Freundin, als auch bei mir. Ich lernte auch zwei neue Mädchen kennen, beide in meiner Klasse, uns gab es in der fünften und sechsten Klasse fast nur im 3er Pack. Doch die Interessen klafften irgendwann auseinander. Wir verstanden uns nicht mehr so. Okay, alleine sein war ich gewöhnt. Aber man muss sich auf dem Schulhof ja auch zwischendurch mal bewegen. Weil man vielleicht zum Kiosk möchte oder zur Toilette etc.
Da ich viel alleine war, hatte die älteren natürlich leichtes Spiel mit mir. Ich war mit 11/12 Jahren schon etwas weit entwickelt, was das äußerliche angeht. Ich hatte in dem Alter schon etwas mehr Vorbau, als was vielleicht "normal" gewesen wäre. Zudem hatte ich etwas Übergewicht. Das Bild könnt ihr auch jetzt einfach vorstellen. Kleines dickes Mädchen mit Holz vor der Hütte. Etwas, wofür ich ja nichts konnte. Die Tatsache, dass ich mit 12 mehr oben rum hatte, wie andere Mädchen die 15 waren hat einigen nicht gepasst. Ich durfte mir "nette" Sprüche anhören wie "Du bist schäbig!"; "Fette Sau, geh abnehmen"; "Schämst du dich nicht, so rumzulaufen ?"; "Du hast dir doch die Titten machen lassen"; "Name einer Baywatch Blondie bitte einsetzen". Solche Dinge habe ich mit 12 Jahren zu hören bekommen. Die Sätze klingeln mir immer noch in den Ohren.
Irgendwann waren diese Neider, was anderes kann ich mir nicht erklären, mit der Schule fertig und waren weg.

Ein paar Jungs aus meiner Klasse fanden es lustig, mich jede Pause, jeden Tag zu verprügeln. Ich wurde solange geschubst und geschlagen bis ich endlich auf dem Boden lag. Da wurde dann nach getreten. Im Klassenraum, wenn noch kein Lehrer da war, wurden mir meine Sachen weggenommen, in den Müll geworfen und man fand es witzig, mir mit den Knien in den Rücken zu springen.

Man sollte meinen, Eltern und Lehrer müssten da doch etwas machen. Ja natürlich wurde etwas gemacht. Es wurde weg gesehen.
Ich habe mit meinen damaligen Lehrern gesprochen, es gab dann für die Täter einen Eintrag oder eine Ansage, zwei Tage später ging es wieder los. Auch meinen Eltern habe ich die Dinge damals erzählt. Die Kommentare, die ich bis heute nicht verstehe "Ihr seit Kinder. Kinder ärgern sich schon mal."; "Da muss du drüber stehen:"; "Stell dich nicht so an" "Du bist doch selber Schuld. Wehr dich".

Immer wieder sind die Gedanken da, dass ich es vielleicht doch selber Schuld war. Doch dann "Nein, warst du nicht". Ich war ein Kind, dass einfach nur etwas stiller und in sich gekehrter war. Nicht mehr und nicht weniger. Was ich hätte machen können weiß ich nicht. Aber ich hätte mir einfach viel mehr Unterstützung und Verständnis gewünscht.

Solltet ihr Lehrer, Eltern etc. Seien, HELFT. Lieber einmal mehr anstatt einmal zu wenig. Ihr tut dem Betroffenen keinen Gefallen damit, wenn ihr wegseht und/oder es nicht ernst nehmt.

Irgendwann wurde es ruhiger. Also eigentlich gewöhnte ich mich daran das mich niemand mag. Natürlich nahm ich mir die Dinge zu Herzen. In meinem Kopf schwirrten Sätze rum "Du bist nichts, du kannst nicht, keiner mag dich". Ich gewöhnte mich an dummen Sprüche, Vergleiche und Gerüchte. Äußerlich versuchte ich die Dinge einfach zu ignorieren. Doch es tat weh. Sehr weh.

Die Schulzeit dort verging, ich wurde mit 16 Jahre und einem Realschulabschluss entlassen. Da ich keine Ausbildung damals gefunden habe, musste ich 1x die Woche auf eine Berufsschule. Dort war alles super. Ich hatte Selbstvertrauen, war mutig und offen. Ich habe mich echt wohl gefühlt. Ich meldete ich mich für den Vollzeitunterricht an. Mit dem Ziel, danach mein Abitur zu machen und zu studieren.
Das erste halbe Jahr war prima. Meine Klasse war in Ordnung, ich hatte ein paar Freunde, meine Noten stimmten. Doch im zweiten Halbjahr ist irgendetwas passiert, was ich nicht mitbekommen habe,
Dort fing dann in den damaligen Sozialen Medien das "Cybermobbing" an. Ich wurde in öffentlichen Chats beleidigt, es wurden Gerüchte verbreitet. Von heute auf morgen war ich wieder der Außenseiter.
Meine Reaktion ? Schule schwänzen
Ich bin früh morgens aus dem Haus gegangen, nur bin ich nicht auf das Schulgelände gegangen, sondern dran vorbei und hab viel Zeit auf dem Friedhof hinter der Schule mit lesen verbracht.

2010 habe ich dann meine Ausbildung angefangen. Man sollte ja meinen, wenn man mit Erwachsenen zusammenarbeitet, läuft alles besser. Leider weit gefehlt.
Ich wurde nicht beleidigt oder geschlagen. Nein, das nicht. Aber ich wurde ausgegrenzt von meinen Kollegen. In der Pause hat keiner mit mir gesprochen, Gespräche wurden abgebrochen wenn ich dazu kam. Zwischendurch Ansagen wie "Du kannst das nicht". Ähm, ja, ich mache eine Ausbildung und bin erst seit kurzem hier. Es soll ja vorkommen, dass eine Ausbildung dafür da ist um die Dinge zu erlernen. In dem ersten Betrieb dachte auch ein männlicher Mitarbeiter "Oh, ein frisches Weibchen". Ich wurde belästigt. Ich habe denjenigen bei meinem Chef gemeldet. Ob mir geglaubt wurde weiß ich nicht. Aber ich hatte vier Wochen später, am letzten Tag meiner Probezeit meine Kündigung in der Hand. Ob es da einen Zusammenhang gibt, weiß ich nicht. Aber selbst wenn ich da geblieben wäre, wäre ich vermutlich nicht glücklich gewesen da ich immer Angst gehabt hätte.
Auch der Betrieb wo ich meine Ausbildung fortsetzen durfte, war am Anfang super. Alle waren nett und es hat Spaß gemacht. Doch auch dort wurden irgendwann Gerüchte in die Welt gesetzt und mir Dinge vorgeworfen die nie passiert sind.
Der einzige Lichtblick in meiner Ausbildung war im die Berufsschulzeit und die Lehrgänge. Da habe ich mich wirklich mit den meisten verstanden und war beliebt. Das war die Zeit in der ich mich wohlgefühlt habe.


Es stellt sich die Frage, ob das jahrelange Mobbing bei mir Schäden angerichtet hat oder nicht.

Klare Antwort: Ja hat es.

Zum Ende meiner regulären Schulzeit, also in dem Wechsel zwischen 10. Klasse und Weiterbildung entwickelte ich eine Essstörung. Rückblickend hatte ich damit schon immer zu kämpfen, in beide Richtungen. Als Kind war ich dick. Mal hier ein Stück Kuchen, da ein Schokocroissant und ein Brot mit Schokocreme. Abends süße Limonade. Zudem deutsche Hausmannskost. Da ich mich nicht viel bewegt habe, da ich nicht raus durfte zum spielen und toben, blieb ich zuhause und spielte alleine.

Als ich meinen Abschluss in der Tasche hatte, habe ich angefangen Sport zu treiben. Ich bin fast jeden Tag Inliner gefahren. Da es ein heißer Sommer war, war die Küche meistens kalt. Es gab viel Salat oder nur leichte Kost. Das passte mir natürlich super in den Kram. Ich nahm natürlich auch ab.
Ich bekam Komplimente und konnte "hübschere" Kleidung kaufen und tragen. Neben dem Inline skaten fing ich an, zwei bis dreimal die Woche zum frühschwimmen zu gehen und ohne Pause durchzuschwimmen. Zuhause wurde abends dann noch ein Homeworkout gemacht mit Sit-ups.
Ich wurde immer dünner, aß weniger bis nichts, trank kaum noch was und machte Sport wie eine Irre. Ich habe mir eingeredet, wenn du so und so aussiehst, findest du Freunde, einen Freund und bist erfolgreich, jeder mag dich. Natürlich war das nicht der Fall.
Anfangen hat alles ca. Mitte 2007 und zog sich bis ca. Ende 2011. Ungefähr ab Anfang 2012 habe ich wieder langsam angefangen zuzunehmen und auch den extremem Sport eingestellt.
Alles mit Hilfe und Geduld meines jetzigen Mannes.

Doch nicht nur damit hatte ich zu kämpfen bzw. Kämpfe immer noch. Es ist nicht mehr so extrem, aber die Gedanken sind da. Ich leide unter Depressionen und Angststörungen. Ich habe Angst Menschen zu vertrauen, ich denke sofort "Die mögen mich nicht" "Man will mich nicht hier haben". Doch deswegen bin ich seit 1,5 Jahren in Behandlung beim Therapeuten. Es wird immer mal wieder etwas besser, aber es wird denke ich noch ein sehr langer Weg werden.

Ich kann Betroffenen nur dazu raten, sich Hilfe zu suchen. Auch wenn es viel nicht verstehen, aber holt euch Hilfe. Wenn es seien sollen auch in Form einer Therapie. Es geht nicht alles von heute auf morgen. Es kann Jahre dauern und wird auch nicht leichter. Aber man kann versuchen damit umzugehen und auch zu lernen.

IHR SEIT NICHT SCHULD DAS IHR GEMOBBT WERDET!

Jeder Mensch ist anders und das ist gut so !


Rückblickend würde ich vielleicht meine Art und meine Optik nicht ändern können. Ich bin immer noch ein zurückhaltender Mensch und brauche Zeit um mit jemanden „warm“ zu werden.

Doch mit dem Wissen von heute, Wissen das ich mir durch Büchern, TV oder auch durch Gespräche mit anderen angeeignet habe, weiß ich einfach das die Dinge die mir eingeredet wurden und auch die ich mir selber eingeredet habe absoluter Blödsinn waren.Warum die „Mobber“ gemobbt haben, weiß ich nicht und ich werde es vermutlich auch nie erfahren. Vielleicht hatten sie selber Probleme und haben ein Ventil gesucht, vielleicht waren sie auf irgendetwas neidisch.
Heute, Jahre später, ist die Lage einfach eine andere. Natürlich gibt es immer noch Mobbing, egal ob in der Schule, im Betrieb oder auch im Internet. Doch heutzutage kann man sich einfacher z.B an Beratungsstellen etc. wenden. Zu meiner Zeit gab es so etwas noch nicht oder war nicht bekannt.

Jetzt geht man ins Internet, sucht nach Informationen und hat nach ein paar Klicks eine Telefonnummer oder eine Beratungsstelle. Meiner Meinung nach werden heutzutage Lehrer besser ausgebildet und in diesen Themen geschult. Schulungen gegen Mobbing für Lehrer oder auch für Schüler gab es entweder nicht oder zu wenig.

Aber, lasst euch gesagt seien:

IHR SEIT NICHT SCHULD DAS IHR GEMOBBT WERDET!

Jeder Mensch ist anders und das ist gut so !

Es gibt Hilfestellen, sucht diese auf. Es muss nicht soweit kommen, aber dafür muss einem einfach viel viel früher geholfen werden. SUCHT EUCH HILFE, bei Freunden, Beratungsstellen, Lehrern etc.
Wenn ihr seht, dass jemand gemobbt wird, GREIFT EIN UND HELFT DER PERSON. Seht nicht weg sondern unterstützt die Person die unter Angriffen leiden muss.



Hier noch das Cover und der Klappentext zu dem Buch, was ich euch oben vorgestellt habe.
Über zwei Millionen Menschen sind in Deutschland von Mobbing betroffen – sei es am Arbeitsplatz, in der Schule oder in sozialen Medien. Psychotherapeut und Mobbing-Experte Dr. Holger Wyrwa erläutert, warum es jeden treffen kann, aus welchen Gründen jemand zum Mobber wird und was man dagegen tun kann. Denn wer die Hintergründe versteht, kann aktiv gegen Mobbing vorgehen. Darüber hinaus liefert Wyrwa ganz konkrete Strategien, die Betroffenen helfen, Blockaden im Kopf zu lösen und sich selbst zu verteidigen. Ein Thema, das uns alle angeht!



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